Bayerische Staatsoper München. Choreographie John Neumeier. Musik Frédéric Chopin. Alexandre Dumas’ Roman „La dame aux camélias“ (1848) ist eine jener großen Erzählungen, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben – ob als Oper (La traviata), im Film oder auf der Ballettbühne. Die tragische Geschichte der todkranken Kurtisane Marguerite Gautier und ihrer leidenschaftlichen, unmöglichen Liebe zu Armand Duval hat sich längst als zeitloses Motiv in der Kunstgeschichte verankert.

Im Tanz hat vor allem John Neumeier diesen Erzählstoff in eine prägende, moderne Bühnensprache übersetzt. Seine Ballettfassung entstand 1978 für das Stuttgarter Ballett und die charismatische Marcia Haydée – und wurde rasch zu einem Schlüsselwerk des erzählerischen Balletts. 1986 folgte zudem eine von Neumeier inszenierte Filmversion, die das Werk einem noch größeren Publikum öffnete.


Im Zentrum steht eine hochkonzentrierte, emotional verdichtete Erzählweise. Neumeier interessiert sich weniger für historische Distanz als für psychologische Gegenwart: Marguerite und Armand erscheinen als verletzliche, komplexe Figuren, die zwischen Begehren, gesellschaftlichen Zwängen und innerem Zerbrechen stehen. Jede Bewegung trägt Bedeutung, jede Szene entwickelt innere Spannung – Tanz wird hier zur präzisen emotionalen Sprache.

Die musikalische Grundlage bildet Frédéric Chopin. Seine Klavierwerke – darunter das Zweite Klavierkonzert, die Romanze aus dem Ersten Klavierkonzert, die Grande Fantaisie op. 13 und die Grande Polonaise brillante op. 22 – schaffen eine Klangwelt voller Melancholie, Intimität und virtuoser Dramatik. Das Largo aus der Sonate h-Moll op. 58 fungiert dabei als wiederkehrendes emotionales Leitmotiv und strukturiert zentrale Momente der Handlung.


Besonders raffiniert ist Neumeiers Idee der Spiegelstruktur: Das Motiv des Theaters aus der literarischen Vorlage wird erweitert und vertieft. Das Schicksal von Marguerite und Armand spiegelt sich in der Bühnenhandlung von Manon Lescaut und Des Grieux. Dadurch entsteht eine zweite Ebene der Erzählung – ein Spiel aus Rollen, Spiegelungen und sich überlagernden Liebesgeschichten.
Seit der Uraufführung zählt das Ballett zu den bedeutendsten Werken des modernen Repertoiretanzes. Die Hauptrollen sind bis heute begehrte Herausforderungen für Tänzer:innen, die hier nicht nur technische Präzision, sondern vor allem emotionale Durchlässigkeit zeigen müssen.
So bleibt Neumeiers „La Dame aux Camélias“ ein Werk von beeindruckender Aktualität – intensiv, klar erzählt und erstaunlich nah an der Gegenwart menschlicher Gefühle. Das Bayerische Staatsballett ist zu bewundern in der Bayerischen Staatsoper.
Musikalische Leitung
Victorien Vanoosten (23., 25. Mai 2026; 10. Juli 2026)
Markus Lehtinen (20., 24. Sep; 9., 10. Okt 2026; 3., 5., 6., 9. Mär; 30. Jun; 11. Jul 2027)
Choreographie
John Neumeier
Bühne & Kostüme
Jürgen Rose
Einstudierung
Raffaella Renzi · Laura Contardi · Marijn Rademaker · Judith Turos · Oleksandr Ryabko
Marguerite Gautier
Elisabeth Tonev (23., 25. Mai 2026)
N. N. (weitere Termine)
Armand Duval
Osiel Gouneo (23., 25. Mai 2026)
N. N. (weitere Termine)
Monsieur Duval Florian Ulrich Sollfrank (23., 25. Mai 2026)
Nanina Séverine Ferrolier
Der Herzog Soren Sakadales
Prudence Duvernoy Ana Gonçalves
Gaston Rieux Oscar Kempsey-Fagg
Manon Lescaut Ksenia Shevtsova
Des Grieux Julian MacKay
Olympia Carollina Bastos
Graf N. Jasper Metcalfe
Klavier
Dmitry Mayboroda (23., 25. Mai 2026)
Alexander Reitenbach („Auf dem Lande“, 23., 25. Mai 2026)
Fotos BAYERISCHE STAATSOPER: Fotograf Geoffroy Schied, Foto Ensemble Fotograf Wilfried Hösl.